{"id":9019,"date":"2017-01-18T17:08:00","date_gmt":"2017-01-18T17:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.wegneronline.com\/blog\/2017\/01\/18\/harte-aber-grossartige-satire-yolocaust\/"},"modified":"2024-02-22T08:35:02","modified_gmt":"2024-02-22T07:35:02","slug":"harte-aber-grossartige-satire-yolocaust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wegneronline.com\/blog\/2017\/01\/18\/harte-aber-grossartige-satire-yolocaust\/","title":{"rendered":"Harte, aber gro\u00dfartige Satire: Yolocaust"},"content":{"rendered":"\n<p>Als ich das Holocaust-Mahnmal in Berlin im Sommer 2011 das erste Mal besucht habe, war ich \u00fcberw\u00e4ltigt von einer merkw\u00fcrdigen Stimmung innerhalb des Mahnmals. Mitten in dieser pulsierenden Stadt wurde es, je weiter man in das Kunstwerk vordrang, immer leiser und stiller. Einzelne Rufe waren zu h\u00f6ren, ich verlor die Orientierung und erschreckte mich vor um die Ecke kommenden Menschen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig war damals die unterschiedliche Art und Weise mit dem Mahnmal umzugehen: Der Gro\u00dfteil der Besucher war schweigsam und bewunderte still die riesigen Betonstelen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gab es da noch eine Handvoll Jugendlicher, die ausgelassen lachten, auf die Stelen kletterten, heitere Selfies knipsten oder sich durch das Stelenfeld jagten. Das war dann im Sinne des Fremdsch\u00e4mens eher unangenehm.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Genau diesen Fakt hat nun der Autor&nbsp;Shahak Shapira aufgenommen und in eine knallharte Satire umgewandelt: <a href=\"http:\/\/www.yolocaust.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Yolocaust<\/a>. Auf dieser Webseite \u00fcberlagert Shapira einige im Berliner Mahnmal aufgenommenen Selfies, die \u00f6ffentlich auf Instagram oder Facebook gepostet wurden, mit Originalaufnahmen aus den Vernichtungslagern. Die ausgelassenen, heiteren Selfies wandeln sich mit einem Mouse-Over zu einer makabren und perversen Foto-Installation.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Pointierter <a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/berlin\/article209309953\/Holocaust-Mahnmal-Provokante-Kunstaktion-mit-KZ-Fotos.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">als die Berliner Morgenpost<\/a> h\u00e4tte ich es auch nicht schreiben k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die beiden jungen M\u00e4nner, die eben noch von Stele zu Stele h\u00fcpften, springen nun auf einem Berg ermordeter Juden herum. Die beiden Frauen, die sich mit Selfiestick in cooler Pose ablichten, posieren pl\u00f6tzlich in einem Massengrab, und ein junger Mann mit Sonnenbrille macht sein Duckface auf einmal zwischen ausgemergelten KZ-H\u00e4ftlingen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Seit Jahren herrscht eine Art &#8222;Deutungsstreit&#8220; rund um das Mahnmal. Der Architekt Peter Eisenman, verantwortlich f\u00fcr die Umsetzung des Mahnmals,&nbsp;sieht sein Kunstwerk nicht durch unterschiedliche Verhaltensweisen entwertet oder entw\u00fcrdigt. Das Mahnmal sei kein Friedhof und kein Denkmal f\u00fcr die Opfer &#8211; sondern ein Mahnmal f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Und was die daraus machen sei eben deren Sache.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die sich an der ausgelassenen Stimmung und wenig introvertierten Verhaltensweise einiger Besucher st\u00f6ren. Und ich gebe zu: Auch mir f\u00e4llt es schwer aufgedrehte Kiddies angesichts der Bedeutung des Mahnmals zu tolerieren. So fordert beispielsweise das Kuratoriumsmitglied Lea Rosh mehr Sicherheitspersonal. Denn die Mehrzahl der Besucher sei verst\u00e4ndnisvoll und wisse oft nicht \u00fcber die Bedeutung des Mahnmals.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie dem auch sei: Die Satire-Aktion von Shapira ist derb und geschmacklos. Und gleichzeitig beeindruckend und mit einer ordentlichen Prise schwarzem Humor versehen. Eben genau so, wie ich Satire am liebsten habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich das Holocaust-Mahnmal in Berlin im Sommer 2011 das erste Mal besucht habe, war ich \u00fcberw\u00e4ltigt von einer merkw\u00fcrdigen Stimmung innerhalb des Mahnmals. Mitten in dieser pulsierenden Stadt wurde es, je weiter man in das Kunstwerk vordrang, immer leiser und stiller. 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